Manchmal sind es die kleinen Bemerkungen am Rande, die etwas Großes in Bewegung setzen können.

“Frag doch mal beim Verein Freunde alter Menschen”, sagte eine Bekannte letztes Jahr zu mir und ich notierte mir das Stichwort in meinem Kalender. Einige Monate später erinnerte ich mich plötzlich wieder an diesen Kommentar und setzte mich mit dem Geschäftsführer des Vereins, Klaus Pawletko, in Verbindung. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, die Geschichten der Menschen, die selbst noch den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, irgendwie festzuhalten.

Niemals hätte ich gedacht, dass nach unserem ersten Treffen in Berlin im Januar 2019 so viel in Gang gesetzt werden könnte. 

Das Ziel des Vereins Freunde alter Menschen e.V. ist es, hochbetagte Menschen vor Einsamkeit und Isolation zu bewahren und sie dabei unterstützen, wieder am sozialen Leben teilzunehmen. Soziale Kontakte und persönliche Begegnungen sind der Schlüssel, damit Hoffnung und Lebensfreude wieder Alltag werden für die Alten Freunde. Als Mitglied der Föderation “Les petits frères des Pauvres” zählen neben Frankreich und Deutschland auch Standorte in der Schweiz, in Spanien, Polen, Irland, Kanada, USA und in Mexiko zum internationalen Netzwerk des Vereins.

Ich fühlte mich von Anfang an wohl und beschloss, dass ich als Freiwillige einige Zeit in Berlin verbringen wollte, um die Alten Freunde besser kennenzulernen und mit ihnen über ihre Erinnerungen zu sprechen. 

„Was ich Ihnen heute erzähle habe ich auch noch niemandem erzählt. Es interessiert sich keiner dafür.”

Renate, Irene, Helga, Gerda, Charlotte, Vera, Ina, Brigitte, Hiltraud, Gritta, Christel…alles Frauen im hohen Alter und alle hatten zunächst eine Frage: Warum interessierst du dich dafür? Ist das dein Beruf? – Nein, ich mache das einfach nur so. Weil es mir wichtig ist. Ich kann so viel von euch lernen und wenn ich es jetzt festhalte, kann ich es irgendwann an andere weitergeben.

In diesen drei intensiven Monaten in Berlin habe ich gelernt, weniger zu fragen und mehr zuzuhören. Weniger zu vermuten und mehr zu spüren. Ich konnte jedes Mal eintauchen in diese Geschichten und sie vor mir sehen, als hätte ich sie selbst erlebt. “Geschichten von Zeitzeugen sind besser als jeder Film”, dachte ich mir oft, “sie basieren nicht auf wahren Begebenheiten…sie sind wahr.”

Wenn ein Mensch spürt, dass man sich wirklich für ihn interessiert und ihm seine Aufmerksamkeit schenkt in diesem Moment, ist es, als bliebe die Zeit stehen. 

Ich kann es nur schwer in Worte fassen, mit welchem Gefühl ich aus jedem dieser Gesprächen herausgegangen bin. Ein Kloß im Hals vor Rührung und Dankbarkeit, Erstaunen darüber, wie offen die Menschen mir gegenüber waren und die Gewissheit, dass uns ein unsichtbares Band für immer verbinden wird. Denn ich trage diese Geschichten jetzt in mir und ich werde dafür sorgen, dass sie nicht vergessen werden. Durch die Unterstützung des Vereins hatte ich die Möglichkeit, einen riesengroßen Schatz zu sammeln. 

Der Verein Freunde alter Menschen finanziert sich im Wesentlichen durch Spenden. Wenn ihr also dieses Anliegen teilt und mithelfen wollt, dass noch viele Besuchspartnerschaften entstehen können, klickt einfach hier: https://www.famev.de/spenden

1. September – 80 Jahre seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs

Ich habe vor, am Jahrestag des Zweiten Weltkriegs einige meiner Videoaufnahmen zu veröffentlichen und damit ein Zeichen zu setzen gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und gegen das Vergessen. Ich wünsche mir von Herzen, dass ich damit einige Leute erreiche und sie dazu bewegen kann, selbst auch in diese Geschichten einzutauchen, die uns heute immernoch umgeben.  

Wir haben als Gesellschaft in der Vergangenheit versagt, aber jetzt kann jeder Einzelne darauf achten, dass Angst und Hass Geschichte bleiben.