Eine meiner besten Entscheidungen dieses Jahr war die Teilnahme am Seminar „Traum- und Symbolverstehen“ des C. G. Jung Instituts Stuttgart.

Schon bei der Anfahrt hatte ich das Gefühl, dass neben den Inhalten auch die Bekanntschaften, die ich dort machen würde, von besonderer Bedeutung für mich sein würden. Durch kleine Wäldchen, bergauf und bergab fuhr der Bus entlang an grünen Wiesen und weiten Feldern bis zum Kloster Roggenburg. Die perfekte Location für dieses traumhafte Thema!

 

Die Seminarleiter Christiane Lutz und Dieter Schnocks gaben zum Einstieg eine Übersicht der Themen:

  • Träume, die Weisheitssprache des Unbewussten 

  • Archetypische Träume und ihre Entsprechung in Mythen und Märchen 

  • C. G. Jungs Symboltheorie als Basis für das Traumverstehen 

  • Bindungs- und Beziehungsfähigkeit, Traum und Wirklichkeit 

  • Traumarbeit und Selbsterfahrung in der Gruppe 

     

Was haben unsere Träume zu bedeuten?

 

Die Dinge, die uns tagsüber passieren (Auslöser), werden nachts in den Träumen verarbeitet. Viele Themen der Träume kommen auch aus dem sogenannten „Schatten“ (Verdrängtes wie z.B. Aggression, Sexualität, Neid, Eifersucht, Rivalität, Macht-  und Dominanzstreben, Feindseligkeit, allerdings kann es auch gute und wertvolle verdrängte seelische Potenzen im Schatten geben). 

Laut C. G. Jung steckt in den Menschen jedoch noch mehr als das, was sie selbst in ihrem Leben bisher erfahren konnten und gespeichert haben (Schatten und Komplexe). Seiner Auffassung nach haben wir alle darüber hinaus eine archetypische Dimension, die im Unbewussten mitwirkt und dort für Kompensation sorgt.

„Da es sich bei (Archetypen) um kollektive, d. h. allgemein menschliche Phänomene handelt, wirken sie in allen Lebensbereichen. Sie motivieren die Fantasien und Handlungen des Einzelnen, der Gesellschaft und kulturelle Entwicklungen zum Guten wie zum Schlechten. Alle stärksten Impulse der Menschheit gehen auf Archetypen zurück.“ (Analytische Psychologie, L. Müller)

Die Schatten, Komplexe und Archetypen – also all das, was über „das bewusste Ich“ hinaus geht und im Unbewussten wirkt, kann über die Traumdeutung ins Bewusstsein geholt werden. Die Themen äußern sich in unseren Träumen allerdings in Symbolsprache. Diese muss vom Träumenden dann erst noch richtig gedeutet werden. 

 

Bei der Traumdeutung unterscheiden wir zwischen drei Stufen:

  1. Objektstufe
  2. Subjektstufe
  3. Archetypisch

Beispiel: Eine Frau träumt davon, mit dem Fahrrad in die Schule zu fahren. Sie trägt ein Kopftuch. Sie geht dort auf eine Party, auf der auch ihr Bekannter Paul ist.  

 

 

1) Die Deutung auf der Objektstufe konzentriert sich auf die Analyse der Informationen. Es gibt klar benannte Figuren und Symbole.

Objektstufe – klar benannte Figuren gespeist aus persönlichen Wünschen:

  • Schule: Abhängigkeit
  • Fahrrad: Autonomie (mit meiner Kraft; kein kollektives Fahrzeug = ich kann meinen Weg bestimmen)
  • Party: Leichtigkeit, ohne großes Nachdenken; im Hier und Jetzt sein
  • Kopftuch: bedecktes / verstecktes Denken; Darf ich eigenständig denken? Darf ich etwas tun, das ich mir in den Kopf gesetzt habe?

 

2) Bei der Subjektstufe hingegen steht alles, was im Traum vorkommt, für einen Anteil im Träumenden selbst.

Subjektstufe – welche Haltung repräsentiert etwas oder eine Person innerpsychisch für mich:

  • Paul: ist in der Erinnerung der Frau verankert als ein sehr entspannter, lockerer Mensch
  • Darf ich einfach entspannt sein? Wie viel darf sein an persönlicher Freiheit und Lockerheit?

 

3) Die archetypische Deutung geht noch tiefer:

Archetypisch – Steht hinter meinem Traum ein archetypisches Bedürfnis oder eine archetypische Qualität, die als Menschheitserfahrung jeder in sich trägt?

  • Anpassung / Abgrenzung: Wie weit passe ich mich an? Wie weit grenze ich mich ab?
  • Kann ich mir erlauben, eigenständig zu sein?

 

Im Unterbewusstsein nach Beweggründen forschen

Ich selbst hatte immer schon einen sehr direkten Zugang zu meinen Träumen. Ein typischer Satz von mir ist „Heute Nacht hatte ich wieder so einen echten Traum…“. Ich sage ihn immer dann, wenn ich mich noch so gut an die geträumte Situation erinnern kann, als hätte ich sie tatsächlich erlebt. 

 

Der Begründer der Psychoanalyse C. G. Jung nutzte das Traumverstehen als Methode, um im Unterbewusstsein seiner Patienten nach Beweggründen zu forschen.

„Das Traummaterial macht in Symbolsprache deutlich, was nicht im Bewusstsein ist.“, sagt Dieter Schnocks und erklärt, dass Träume in der Jungschen Psychologie sehr ernst genommen werden, weil der Mensch so seine unbewussten Impulse erkennen und sie für das bewusste Erleben nutzbar machen kann. 

Was ich vor dem Seminar nicht wusste ist, dass die Personen, die mir im Traum begegnen, nicht für sich stehen, sondern nur als Bildgeber fungieren für eine Emotion oder einen Charakterzug in mir selbst. Man muss sich also immer fragen:

  • Für welche Stimmung / Charakter steht diese Person in meiner Erinnerung?
  • Was hat das mit mir zu tun?
  • Schickt mir mein Unterbewusstsein diesen Bildgeber zur Verdeutlichung oder zur Kompensation?

Symbole sind unglaublich vieldeutig und man sollte sich davor hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen. Warum ich heute Nacht den kaputten Flugzeugflügel mit einem Pflaster reparieren konnte? Warum mir ein singender Bär begegnet? Das kann ich auch nach dem Traumseminar nicht mit Sicherheit sagen, vielleicht fehlt es mir auch an Übung. Aber das macht nichts – ich träume gerne weiter.